2025-12-17

„Für meine Mutter – und das Kind, das ich war“–Stéphanie Dupuy-Beaudoux

FB_IMG_1765813828102.jpgDank an Stéphanie Dupuy-Beaudoux

Ich danke Stéphanie Dupuy-Beaudoux sehr herzlich für dieses außergewöhnlich offene und tiefgehende Interview. Mit großer Sensibilität, Klarheit und Mut hat sie Einblick in ihre Biografie, ihre inneren Prozesse und in die emotionale wie spirituelle Tiefe ihrer künstlerischen Arbeit gegeben.

Ihre Worte machen deutlich, dass ihre Malerei weit über das Sichtbare hinausgeht. Sie ist Ausdruck gelebter Erfahrung, ein Akt der Selbstbefragung und eine künstlerische Auseinandersetzung mit Ursprung, Verlust, Menschlichkeit und Seele. Die Offenheit, mit der Stéphanie Dupuy-Beaudoux über Einsamkeit, Erinnerung und innere Brüche spricht, verleiht diesem Gespräch eine besondere Wahrhaftigkeit.

Ich danke ihr für das Vertrauen, für die Intensität dieses Austauschs und für den Mut, Kunst und Leben so untrennbar miteinander zu verbinden.

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Stéphanie, welchen emotionalen Ursprung hatte dein allererstes Bedürfnis zu malen?

Gab es einen Moment in deinem Leben, in dem du begriffen hast, dass Kunst deine Sprache ist?

Mein allererster Wunsch zu malen stammt aus meiner frühen Kindheit, als ich allein mit meiner Mutter in Montmartre in Paris lebte. Jeden Sonntag besuchten wir die Maler auf der Place du Tertre. Ich war tief beeindruckt und angezogen von der Sinnlichkeit der Materie und der Farbe.

Der tiefere Ursprung dieses Wunsches liegt jedoch in einer inneren Zerbrochenheit – einem gebrochenen Ich, das ich mir aus einer inneren Notwendigkeit heraus wieder aneignen wollte. Ähnlich wie im Mythos des Androgynen bei Platon, der auf der Suche nach seiner anderen Hälfte ist.

Nach einem DEUG-Abschluss in Philosophie schrieb ich mich an der Kunsthochschule in Rouen ein.

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Deine Werke entstehen aus reiner Emotion und Intuition.

Welche biografischen Erfahrungen haben dieses unmittelbare, körperliche Malen mit Messern, Sprühtechniken und Musik geprägt?

Ich würde sagen, dass jedes Bild einem Element meines Lebens, einem Gefühl oder einem Ereignis entspricht. Das Malen kommt wie ein „Blitz aus dem Unterbewusstsein“. Während meiner ersten Schwangerschaft verspürte ich beispielsweise eine besonders starke Intuition und das Bedürfnis, täglich zu malen.

Auch meine Reisen haben meine Arbeit maßgeblich geprägt. Einen Teil meiner Kindheit verbrachte ich im Maghreb, später lebte ich vier Monate in Indien. Zudem wohnte ich eine Zeit lang in Moorea, nahe Tahiti, wo meine Tochter Clélia geboren wurde.

Diese vielfältigen Horizonte haben mir eine große Freiheit in meiner Farbwahl und in meinen Formaten ermöglicht. Ich malte auf Wänden und auf großen Holzplatten, die ich von Filmdreharbeiten mitgenommen hatte.

Nicht zuletzt spielt Musik eine zentrale Rolle – insbesondere Rock und Punkrock, die die Gestik meiner Bilder unterstreichen. Während des Schaffensprozesses fühle ich mich wie ein Energiekanal, ähnlich der Praxis des Reiki.

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Du arbeitest mit mehreren Ölschichten über einem Untergrund aus Walnussschalen.

Welche persönliche Geschichte oder symbolische Bedeutung steckt hinter diesem ungewöhnlichen Material?

Die Symbolik entspringt vor allem meiner tiefen Liebe zur Natur. Als Kind sammelte ich bei Spaziergängen mit meiner Mutter Walnussschalen, Eicheln und Herbstblätter.

Der Brei aus Walnussschalen fällt vom Baum und führt uns zurück zur Erde, zum Ursprung. Ich trage ihn wie einen Abdruck auf die Leinwand auf und lasse ihn zufällig verlaufen. Anschließend wird er mit verschiedenen Farbschichten überdeckt, wodurch seine Formen hervorgehoben werden.

Ich bedecke, kratze und bedecke erneut. Was verborgen ist, kommt schließlich zum Vorschein. Ich mag den Begriff der Kontraste: Meine Farben wirken fröhlich, doch die Formen sind gequält.

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Deine Themen reichen von Zeit und Menschlichkeit bis zu Liebe, Melancholie und Spiritualität.

Welche Lebensereignisse haben diese existenziellen Fragen in dir entfacht und zu deinem künstlerischen Leitfaden gemacht?

Ich glaube, das wichtigste Ereignis, das diese existenziellen Fragen in mir geweckt hat, war meine Geburt. Meine Mutter, von Natur aus zurückhaltend, wollte „ein Baby ganz für sich allein“. Ich habe mein Leben lang versucht zu verstehen, woher ich komme.

Meine Kindheit war geprägt von Einsamkeit und einem ständigen Hinterfragen. In meiner Arbeit versuche ich, dieses verlorene Ich wiederzufinden – in Form von Sequenzen, die ich unter Themen wie Menschlichkeit, Spiritualität oder Sehnsucht zusammenfasse.

Sich selbst wiederfinden in Irrwegen, durch farbenfrohe, fast hypnotische Visionen: Meine Malerei stellt letztlich die Frage:
„Was ist die Seele?“

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Du beschreibst jedes deiner Werke als autobiografisch und kathartisch.

Was heilt dich im Prozess des Malens – und welche inneren Konflikte oder Erfahrungen begleiten dich dabei immer wieder?

Was mich beim Malen beruhigt, ist dieser Zustand gleichzeitiger Anwesenheit und Abwesenheit. Ich bin in meiner eigenen Raum-Zeit erstarrt und male meine Emotionen – eine Form der Sublimierung im psychoanalytischen Sinne.

Der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty schrieb in „Das Auge und der Geist“:

„Das Sehen ist keine bestimmte Art des Denkens, die in mir selbst vorhanden ist: Es ist ein Mittel, das mir gegeben ist, um aus mir selbst herauszutreten, um von innen heraus der Spaltung des Seins beizuwohnen, an deren Ende ich mich erst in mich selbst verschließe.“

Die Erfahrungen, die mich begleiten, sind die großen und kleinen Momente des Lebens: Geburt, Schwangerschaft, Freude, Erwartung, Meditation, Trennung, Traurigkeit, Einsamkeit, Uneinigkeit, Ungerechtigkeit, Tod – und Hoffnung.

Nietzsche sagte:

„Die Kunst ist uns gegeben, um uns daran zu hindern, an der Wahrheit zu sterben.“

Abschließend widme ich dieses Interview meiner Mutter, die im vergangenen Monat verstorben ist.
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Admin - 13:33:32 @ Allgemein, ARTIST, EXHIBITION | 1 Kommentar



 
 
 
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