2025-11-18

„Helena von Schell: Zarte Farben, tiefe Gefühle“

20251116_204405.jpgIch danke dir von Herzen, liebe Helena von Schell, für dieses wunderbare und so inspirierende Interview. Du hast mir nicht nur Einblicke in deine Kunst, deine Farben, Linien und Geschichten geschenkt, sondern auch in die tiefen Räume deiner Seele. Durch deine Worte konnte ich spüren, wie viel Gefühl, Mut und Verletzlichkeit in jedem deiner Werke steckt – wie du Erinnerungen, Begegnungen und innere Welten zu Bildern machst, die leise und gleichzeitig kraftvoll sprechen. Ich bin dankbar, dass du so offen über deine Reisen, deine Inspirationen, die Begegnungen mit Menschen und die kleinen wie großen Momente gesprochen hast, die dich geprägt haben. Es war, als ob ich einen Blick in dein Herz werfen durfte, in deine Sinnlichkeit, deine Träume und deine Sehnsucht, Gefühle sichtbar zu machen. Dieses Gespräch hat mich tief berührt und mir erneut gezeigt, dass Kunst weit mehr ist als Form oder Technik – sie ist ein Dialog, ein Flüstern, ein leises Herzklopfen, das uns verbindet. Danke, dass ich daran teilhaben durfte und dass du mir die Schönheit, die Tiefe und die Verletzlichkeit deiner kreativen Welt so nahgebracht hast.

Helena, du bist in Rio geboren, hast in Deutschland studiert und viele Jahre in Teheran gelebt. Welche dieser Welten hat deine künstlerische Identität am stärksten geprägt — und warum?
Um mich an Rio erinnern zu können, war ich noch zu klein, aber sicherlich haben Erzählungen Bilder in mir entstehen lassen - ich hatte schon immer sehr viel Phantasie -, und natürlich waren dort auch die Fotos und sicherlich erste sinnliche Wahrnehmungen wie die warmen Strahlen der Sonne und ihr helles Licht, besondere Gerüche, mehr Lärm, lautere Stimmen, eine andere Sprache.
Vieles davon habe ich im Iran - einem wunderbaren Land mit sehr besonderen Menschen - wiedergefunden und mich daher weniger fremd gefühlt als man annehmen könnte.
Ich denke, dass meine ausgeprägte Sinnlichkeit stark in meine Bilder einfließt, wobei weiche, oft ineinander fließende und geschwungene Formen auch die Gegensätze miteinander zu verbinden suchen.
Das Spiel mit Linien, die gewisse Präzision zeichnerischer Elemente in meinen gemalten Bildern ist wohl vor dem Hintergrund meiner vielen Zeichnungen zu sehen, z.B. den Entwürfen von Logos und Emblemen, Einladungs- und Speisekarten, Flyern und Lehrmaterial, komischen Figuren und Karrikaturen oder dem Design von Möbeln, Türen und Fenstern aus Buntglas, Schildern, Einrichtungen und Abauten, Schmuck.
Das Eine fällt mehr in die Studienzeit, das Andere in die Zeit im Iran.

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Dein langer Aufenthalt im Iran hat dein Leben, deine Sicht auf Menschen und deine Kunst „fundamental verändert“. Welcher Moment oder welche Begegnung war für dich dabei der entscheidendste Wendepunkt?

Die Begegnung mit wundervollen iranischen Künstlern und Künstlerinnen, ihre ausdrucksstarke und tiefgehende Kunst, die Melancholie in vielen ihrer Werke, oft Zerrissenheit aber immer auch Schönheit sowie die unglaubliche Power der Iranerinnen, ihre Präsenz und Stärke, ihr Selbstbewusstsein und Mut - ganz besonders in schwierigen Situationen - haben mich stark beeindruckt und meinen Blick auf Vieles verändert, mein Frauenbild und Verständnis von Emanzipation neu geprägt.

Frauen in ihrer Weiblichkeit stehen daher sehr im Vordergrund meiner Malerei.

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Du bewegst dich zwischen Zeichnung, Malerei, Design und sogar dem Schreiben von Lyrik und Märchen. Welche biografische Erfahrung hat in dir dieses grenzenlose kreative Denken geweckt?
Für mich ist Kreativität Selbstausdruck; in ihr liegen meine Emotionen, mit ihr verarbeite ich das, was aktuell in mir vorgeht, mal mehr, mal weniger bewusst, mal meditativ, mal bewusst gestalterisch. 
Beim Malen überlasse ich mich meistens den Energien, die zum Ausdruck drängen, ähnlich wie beim Schreiben von Märchen, wobei ich meinen inneren Bildern ebenfalls unmittelbar - nur eben schriftlich - Form gebe.
In meinen Gedichten findet meistens die bewusste Bewältigung von Melancholie, Trauer, Verletzung statt, mit dem Wunsch nach Transformation, dem Bedürfnis “Stroh zu Gold zu spinnen”. Durch die Gedicht- oder Reimform ist dabei eine gute Eingrenzung und Kontrolle geboten.
Auf eine einsame Insel würde ich daher immer Stifte, Farben, Pinsel, Papier und Leinwände mitnehmen; sie sind essenziell für mich.

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In deinen Ausstellungen „Identity“ und „Reflection“ zeigst du komplexe Emotionen und Persönlichkeiten. Welche eigenen inneren Konflikte oder Lebensphasen spiegeln sich besonders stark in diesen beiden Serien?
Die Frage und Suche nach der eigenen Identität und die Sichtweise auf alles, was uns umgibt, was wir erleben und wie wir es wahrnehmen, lassen sich nicht wirklich voneinander trennen; das Eine bedingt das Andere, es findet ein Zusammenspiel von äußeren und inneren Einflüssen statt.
Dem eigenen Selbst so nah wie möglich zu kommen - und dazu verhelfen uns die vielen Spiegelungen in ihren unterschiedlichen, allumfassenden Zusammenhängen - ist eine große, keinesfalls leichte, oft schmerzhafte, aber lebenswichtige Aufgabe, an der wir wachsen und den Zugang zu unserer eigenen Seele finden können.

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Du arbeitest heute mit Kindern in einer leitenden Position in München. Wie hat dieser Kontakt zu junger Lebensenergie und kindlicher Wahrnehmung deine künstlerische Entwicklung beeinflusst — vielleicht sogar geheilt oder neu geöffnet?
Kreatives Arbeiten mit Kindern ist eine sehr schöne Aufgabe und Erfahrung, weil Kinder sich dem gestalterischen Prozess gut überlassen können, sehr spontan und sich ihrer Sache meistens ganz sicher sind.
Raumaufteilung, Farbgebung, Anfang und Ende eines gemalten Bildes zum Beispiel erfolgen dabei impulsiv, und der individuelle Stil jedes einzelnen Kindes ist oft sehr früh erkennbar - ebenso wie ein ausgeprägtes künstlerisches Interesse.
Da ich prozessorientiert und nicht ergebnisorientiert mit den Kindern arbeite, es weder um Leistung noch um Schnelligkeit oder den Vergleich untereinander geht, dürfen die Kinder sich ihrer Kreativität mit Freude hingeben.
Was sie uns lehren? In der Kunst geht es nicht in erster Linie um Perfektion; es ist die Komposition, der Spirit, die Individualität, die Authentizität der kleinen und großen KünstlerInnen, die kleine und große Kunstwerke entstehen lassen.
HvS

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Admin - 16:20:19 @ Allgemein, ARTIST, EXHIBITION | 24 Kommentare



 
 
 
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